- NEUE
ZUERCHER ZEITUNG
- 3.
November 2001
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- Eröffnung
von «Beatocello» Richners Maternité
- Pränataler
Seuchenschutz - Kampf gegen «angeborene TB»
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- mo. Bangkok, Ende
Oktober
- Der seit
mittlerweile zehn Jahren für die Verbesserung des
Gesundheitswesens in Kambodscha kämpfende
Zürcher Kinderarzt Beat «Beatocello»
Richner ist seinen Zielen einen Schritt näher
gekommen: Dieser Tage hat er in der Stadt Siem Reap,
nahe den weltberühmten Ruinen von Angkor Wat, im
Beisein von Königin Norodom Monineath und von
Ministerpräsident Hun Sen die Maternité
Jayavarman VII eingeweiht. Es handelt sich um
einen Annex zur gleichnamigen Pädiatrieklinik,
die Richner 1999 nach den beiden
Kantha-Bopha-Spitälern in der Hauptstadt Phnom
Penh als drittes «seiner»
Kinderspitäler auf Wunsch von König Sihanouk
im Nordosten des Landes eröffnet hatte. Laut
Richner kamen bereits am Eröffnungstag in der
Klinik mehrere Kinder zur Welt. Überdies war
offenbar auch der Andrang von kambodschanischen Frauen
enorm, die nach Schwangerschaftstests und vor allem
auch nach Schwangerschaftskontrollen
verlangten.
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- Schutz schon vor
der Geburt
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- Wie der für
seine pointierten Formulierungen bekannte Richner
weiter ausführt, ist es das erste Mal in der
Geschichte, dass ein Kinderarzt eine Geburtsklinik
aufgebaut hat, um die Kinder bereits vor der Geburt
vor einer Ansteckung mit Infektionskrankheiten wie
Tuberkulose und Aids zu schützen. Richner macht
geltend, dank der gezielten Behandlung der Schwangeren
könne das Risiko, dass das Kind einer
HIV-positiven Mutter ebenfalls mit dem Virus infiziert
werde, von 80 auf 0,8 Prozent gesenkt werden.
Überdies werden die HIV-positiven Mütter von
in Jayavarman VII geborenen Kindern nach der
Geburt weiterhin mit Aids-Medikamenten behandelt.
Dadurch kann deren Leben laut Richner um
durchschnittlich 15 Jahre verlängert und so
verhindert werden, dass die Kinder als Waisen
aufwachsen müssen.
- Dass es Kambodscha
an elternlosen, sozial wohl kaum je integrierbaren
Jugendlichen nicht mangelt, beweisen zerlumpte
Kinderbanden, die dem Ausländer beim Spaziergang
durch jede grössere Ortschaft des Landes bald
einmal auffallen. Zwar hat sich Kambodscha in letzter
Zeit offensichtlich von der Terrorherrschaft der
«steinzeitkommunistischen» Roten Khmer und
den anschliessend fast 20 Jahre anhaltenden
Kriegswirren zu erholen begonnen, doch Armut, soziale
Not und Verwahrlosung sind weiterhin
allgegenwärtig. Die Anfang der neunziger Jahre
von Uno-Truppen eingeschleppte Aids-Seuche ist zwar
mittlerweile eingedämmt, aber noch längst
nicht überwunden. Doch auch unabhängig von
Aids und Tuberkulose ist die
Kindbettsterblichkeits-Rate der Frauen im Norden und
Nordosten Kambodschas generell sehr hoch; laut Richner
wird sie aber dank der neuen Maternité in den
nächsten Jahren markant gesenkt werden
können.
- Wie alle von
Richner errichteten und betriebenen Spitäler ist
auch der Bau der Geburtsklinik durch aus der Schweiz
stammende, zweckgebundene grosse Privatspenden
ermöglicht worden. Ebenfalls wie bei den anderen
Projekten sind Versorgung und Pflege in der
Maternité für die Patienten kostenlos -
laut Richner könnten über 95 Prozent der
Patienten aus Armut die Behandlung gar nicht in
Anspruch nehmen, wenn sie dafür bezahlen
müssten.
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- Rehabilitierte
«Luxusmedizin»
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- Im Oktober 1996
fand in Anwesenheit des damaligen Schweizer
Bundespräsidenten Delamuraz in Phnom Penh die
Einweihung der Klinik Kantha Bopha II statt, des
ersten mit einem Ultraschallgerät und einem
Computertomographen ausgerüsteten Spitals in ganz
Kambodscha. Angesichts der damals noch weitherum
geäusserten Kritik, Richner betreibe eine der
Armut des Landes nicht angepasste
«Luxusmedizin», kommentierte Delamuraz
damals: «Wer diese Geräte als zu
luxuriös und zu hoch entwickelt für ein so
armes Land wie Kambodscha bezeichnet, ist ein
Neokolonialist.» Gleichentags starben in Richners
erster, weniger gut ausgerüsteten Klinik 16
Kleinkinder an einer Krankheit, die intern
«Kantha-Bopha-Syndrom» getauft wurde und der
in jenem Jahr insgesamt 700 Kleinkinder zum Opfer
fielen. Eigentliche Todesursache war jeweils ein
Herzversagen in der Folge von Entzündungen des
Verdauungstraktes und der Atemwege; Kinder, die das
«Kantha-Bopha-Syndrom» überlebten,
waren manchmal teilgelähmt, wiesen zumeist
Gehirn- oder Rückenmarkschäden oder ein
fehlentwickeltes Blutkreislaufsystem auf - Symptome,
die vom im Gesundheitswesen weltweit üblichen
Jargon der World Health Organization (WHO) als in
vielen Entwicklungsländern übliche Folgen
«normaler» Durchfall- und
Erkältungserkrankungen abgetan
wurden.
- Gerade weil ihm
fortan die «luxuriösen» Ultraschall-
und Tomographiegeräte zur Verfügung standen,
fand Richner aber heraus, dass diese Erkrankungen
keineswegs «normal» waren. Erklärbar
waren sie allerdings insofern, als sie sich als Folge
einer Tuberkulose-Infektion entpuppten, der die
kambodschanischen Kleinkinder umso häufiger,
manchmal schon im Mutterleib, zum Opfer fielen, weil
sie sich gleichzeitig teilweise ebenfalls bereits vor,
teilweise auch erst bei der Geburt mit HIV infiziert
hatten und deshalb ihr Immunsystem bereits in den
allerersten Stunden ihres Lebens schwer angeschlagen
war.
- Den mittlerweile
wissenschaftlich hieb- und stichfesten Nachweis der
zuvor im Gegensatz zur Übertragung des
Aids-Erregers von der Mutter auf das Kind weitgehend
unbekannten sogenannten «angeborenen
Tuberkulose» konnte der Pädiater Richner im
vergangenen September beim internationalen
Ärztekongress «Global Medical Forum» in
Pontresina erstmals der medizinischen Kollegenschaft
vorstellen. Seine auf jahrelanger Praxis und auf
geschicktem Einsatz von - verglichen mit modernen
Forschungsanstalten letztlich eher einfachen -
technischen Geräten beruhenden Ergebnisse
stiessen dabei auf grosses Interesse und Anerkennung
durch die Fachwelt.
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- Nur in Kambodscha
verbreitetes Leiden?
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- Etwas mehr
Anerkennung durch Medizinerkollegen kann Richner
zweifellos nicht schaden. Zwar kann er als Arzt auf
geradezu phänomenale Resultate verweisen: 85
Prozent aller kranken kambodschanischen Kinder werden
von den drei von ihm geführten Kliniken
behandelt. In absoluten Zahlen sind das jährlich
40 000 hospitalisierte, eine halbe Million
ambulant behandelte, 5200 operierte und 140 000
geimpfte kleine Patienten. Ohne seine Spitäler
würden monatlich 2600 Kinder sterben. Als
Patienten oder als erwachsene Begleiter von solchen
haben mittlerweile statistisch bemerkenswerte 70
Prozent der gesamten Bevölkerung des Landes schon
einmal mit einer «Richner-Klinik» zu tun
gehabt.
- Doch trotz diesen
offensichtlichen Erfolgen sind in Ärztekreisen
und bei der WHO immer noch Stimmen zu vernehmen, die
behaupten, Richners «Luxusmedizin» sei den
Verhältnissen Kambodschas nicht angepasst.
Möglicherweise verstummen diese Kritiker nun. Und
möglicherweise wird dereinst sogar
überprüft, ob in anderen Ländern der
Dritten Welt, wo ebenfalls Säuglinge «wie
Fliegen» an «normalen Darm- und
Atemwegs-Infektionen» sterben, nicht vielleicht
auch die von Richner in Kambodscha erforschte
«angeborene Tuberkulose» die Wurzel des
Übels sein könnte.
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- Neue Zürcher
Zeitung, Ressort Vermischte Meldungen,
3. November 2001, Nr.256,
Seite 64
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